Keine Bilder in meinem Kopf

Diese Woche habe ich ein Tief. Ganz eindeutig. Es ist da. Direkt am Montag. Ich stecke fest. Irgendwo zwischen den Erwartungen an mich selbst, habe ich mich abgehängt. Noch zwei Wochen bis zum Halbmarathon in Paris und ich fühle mich maximal schlecht vorbereitet. Körperlich ist alles gut. Mein Knie ist – toi – toi – toi – wieder genesen, der Muskelkater den ich jedes mal vom Mittelfußlaufen davon trage hat sich auch endlich normalisiert und auch sonst habe ich gerade ein sehr gutes Körpergefühl. Wo ist dann dein Problem, mag jetzt ein aufkommender Gedanke sein. Es ist der Kopf. Mein Kopf. Vielmehr sind es fehlende Bilder in meinem Kopf. Keine Bilder in meinem Kopf. Sie sind nicht da. Nicht archiviert. Nicht gespeichert. Nicht vorhanden. Vor meinem geistigen Auge ist der Halbmarathon noch laaaange hin. Er ist nicht präsent. Ich bin nicht präsent. Nicht dort vor Ort. Ich sehe mich nicht, wie ich diesen Lauf laufe. Sehe nicht, wie das Wetter ist, was ich anhabe, die Umgebung. Und das liegt nicht nur daran, dass ich noch niemals in Paris war. Wenn ich an den 6. März 2016 denke, sehe ich den Kalender meines iPhones, welcher ein rotes Pünktchen am 6. März zeigt. Ich sehe aber keine Menschen an der Strecke. Meine Fanbase? Fehlanzeige. Keinen Zieleinlauf. Noch nicht einmal die Ritter Sport Marzipan, welche ich auf der Heimfahrt im TGV verspeisen will, ist sichtbar. Ich frage mich natürlich woran das liegt. Doch wenn ich ehrlich bin, kenne ich die Antwort gut genug… Zeit also, etwas zu ändern. Es ist Freitag Abend und ich beschließe den für Samstag geplanten zügigen Lauf früh am Morgen zu machen. Einen Lauf bei Sonnenaufgang hatte ich schon lange nicht mehr. Damit nicht genug. Ich nehme mir vor, das Wochenende ausschließlich für mich zu nutzen. Einen klaren Kopf zu bekommen. Mich auf mich konzentrieren. Bei mir sein. Einfach nur sein. Keine äußeren Einflüsse. Kein Fernsehen, kein Youtube, Twitter, Instagram oder Facebook. Keine Blogs. Was ich mir jedoch gönne sind Musik, ein Buch und meine Kamera. Zwei Tage digitaler Detox. 

Ich laufe los. Obwohl ich die Pulsuhr trage, bleiben Pace und Puls unbeachtet. Einfach nur laufen. Einfach nur ich. Und die kalte Luft. Und die Sonne, die gerade aufgeht. Mir wird schlagartig klar, was mir die letzten Wochen gefehlt hat. Die Ruhe beim Laufen. Das Bei-mir-sein. Der Sonnenaufgangsmoment. Es kann ja so einfach sein. 

 

Während ich durch den kalten morgen renne, fällt mir ein, dass ich diese Woche gefragt wurde, Anja was war dein bester Moment als Sportler? Was hast du dabei gefühlt, wie ging es Dir? Und was war dein schlechtester Moment als Sportler, was hast Du dabei gefühlt, wie ging es Dir dabei? Im ersten Moment hatten diese Fragen keine Wirkung auf mich. Bester Moment. Hm. Schlechtester Moment. Hm. Processed with VSCOcam with b5 presetGibt es für Läufer überhaupt den einen besten Moment? Wenn ich ehrlich bin, beim  Laufen gibt es so viele tolle kleine Momente und  große Erlebnisse, wertvolle Erfahrungen. Es wäre vermessen, auch nur einen einzigen Moment auszuschließen oder ein Erlebnis zu favorisieren. Aber gut – ich will die Antworten auf diese Fragen geben.

Über den schlechtesten Moment als Sportler fällt es mir sehr schwer zu schreiben. Warum das so ist? Vielleicht weil ich mehr offenlegen muss, als die Tatsache, dass es auch bei mir Momente gibt die mich runterziehen. Schlechte Momente als Läuferin erlebe ich meistens dann, wenn ich Schmerzen habe. Und damit meine ich nicht, das schmerzende Knie oder eine vor Anstrengung brennende Lunge. Damit meine ich Schmerzen die aus meinem Kopf, meiner Seele oder meinem Herzen kommen. Schmerzen, die an jenen Tagen auftreten, an denen es mal nicht läuft. Und an denen ich selbst aber laufe. Meistens um die Schmerzen zu eliminieren. Ich versuche dann den Schmerz rauszulaufen. Durch Anstrengung. Durch Schwitzen. Ich versuche das immer wieder und wieder. Dabei weiß ich eigentlich, dass das nicht geht. Eigentlich. Meine schlechtesten Momente als Läuferin sind also jene, in denen ich das Laufen nicht genießen kann, weil ich gegen meinen Schmerz anlaufe. Ich laufe und laufe. Schwitze. Hadere. Kämpfe mit mir gegen mich selbst. Das ist eines der furchtbarsten Gefühle überhaupt. Hinterher ärgere ich mich, warum ich meine Zeit verschwende, wo ich doch genau weiß, dass es mir hinter nicht besser gehen wird.  Aber nicht laufen geht ja auch irgendwie nicht. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da bin ich über viele Wochen hinweg jeden Lauf exakt so gelaufen. Ich kann nicht mehr sagen ob ich schnell oder langsam unterwegs war. Das war auch egal. Es ging immer nur darum meinen Schmerz mit anderem Schmerz zu überblenden. Hat super funktioniert. Nicht. Meine Sorgen und das was mich umtrieb konnten durch laufen nicht gelöst werden. Auch die Perspektive veränderte sich nicht. Am Ende war klar, dass das Laufen mein Problem weder lösen noch irgendwas besser machen kann. In diesen Momenten fühle ich mich schwach, machtlos und unwahrscheinlich klein und unbedeutend mir selbst gegenüber. Und während ich diese Worte schreibe, wird mir bewusst, wie schlimm ich diese Momente finde. 

Der beste Moment? Mein 1. Halbmarathon im Juni 2014 in Stuttgart. Wie ging es mir dabei? Ich habe ungefähr sechs Monate auf diesen Lauf trainiert. Nebenbei noch das 7. Semester meines nebenberuflichen Studiums abgeschlossen und mit Hochdruck an meiner Bachelorthesis geschrieben. Für den Lauf war ich auf den Punkt vorbereitet. Durch den 12 wöchigen Trainingsplan bin ich mit Leichtigkeit durchmarschiert. An meinem Schreibtisch hingen gut sichtbar Durchhalteparolen. Seit einigen Wochen hatte sich ein permanentes „alles ist möglich“ Gefühl bei mir eingeschlichen. Es war mal wieder ein WM Sommer und alles war irgendwie gut. Ich ging an den Start, lernte zwei nette Menschen kennen. Aus meinem Vorhaben Puls, Kilometer und Zeit penibel genau zu tracken wurde nichts. Ich unterhielt mich mit einer Mitläuferin und bemerkte recht spät, dass fünf Kilometer bereits vorbei waren bevor ich überhaupt einmal auf meine Uhr oder die Kilometerschilder geschaut hatte. Es war irgendwie egal geworden. Und das war auf seltsame Weise gut. Zeit und Geschwindigkeit hatten keinen Stellenwert mehr. Ich hatte einen unfassbar guten Lauf. Ich war bei mir. Und das, ohne etwas dafür tun zu müssen. Während des gesamten Laufes. Es war schwülwarm und nach Kilometer 10 brach ein Platzregen über mich herein. Um mich herum wurden Regenjacken ausgepackt. Ich wurde nass. Klatschnass. Ich war immer noch bei mir.

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Meine Hose war voller Wasser und schwer. Es regnete für die nächsten 6km in Strömen. Überall war Wasser. Mein Wille war ungebrochen. Der Regen unterstrich die Dramatik. Mir war absolut klar, dass ich diesen Lauf meistern werde, dass es kein Aufgeben geben wird. Warum auch, alles ist möglich. Und ja, so war es auch. Ich bin meinen ersten Halbmarathon in 2 Stunden und 6 Minuten gelaufen. „Einmal, bin ich einen halben Marathon gelaufen.“ Die Erfahrung und das Erlebte hat mich durch den gesamten Sommer getragen. Hat mich Licht am Ende des „Bachelorthesis-Tunnels“ sehen lassen. Deutschland wurde Weltmeister. Warum auch nicht, alles war möglich! Alles passte zusammen. Die Wochen der Vorbereitung, der Lauf, alles was in den Wochen danach kam. Mit dem Moment der Entscheidung für den ersten Halbmarathon war ich unbesiegbar. Ich habe in dieser Zeit nie gezweifelt oder gehadert. Ja, es war extrem hart, alles zu meistern. Jedoch war mir immer klar, dass es möglich ist und dass ich es schaffen werde. 

Meinen Digital Detox habe ich bis zur Erstellung dieses Posts durchgehalten. Ich hatte einen wunderbaren, sonnigen Tag mit mir selbst, war mit dem Fahrrad unterwegs, habe gelesen und mal wieder meine Kamera ausgepackt und ein paar Bildchen geknipst. Habe mich mit meinem Papa getroffen und ein paar Dinge für das kommende Wochenende in Paris organisiert. In meinem Kopf hat sich das ein oder andere Bild angesiedelt. Sie sind noch nicht ein wenig verschwommen – das ändert sich sicher morgen, wenn ich wieder zu einem Sonnenaufgangslauf aufbreche. #läuft

 

 

 

 

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