Geben Sie nicht zu früh auf

Ich liege auf dem Rücken und starre an die weiße Decke des Hotelzimmers. Es tut weh, so richtig. Ein stechender Schmerz quält mich und sich durch meinen Rücken, er nimmt mir ab und zu den Atem. Der eingeklemmter Nerv. Der hat Nerven…  Ich hadere zwischen schreien vor Schmerz und den Schmerz weg schweigen, nicht thematisieren, die Kraft der positive Gedanken nutzen. Beides gelingt nicht, für beides fehlt die Kraft. Der harmlose und gut gemeinte Nebensatz „… geben Sie nicht zu früh auf“ in unserem Wandererführer bekommt direkt eine andere Bedeutung. Schließlich habe ich noch  nicht einmal angefangen diesen Weg zu gehen, habe noch nicht meinen 10kg schweren Rucksack geschleppt, noch keine Höhenmeter gemacht, geschweige denn, das Land verlassen. Hallo Ironie. Ich fühle mich wie Ronaldo im gestrigen EM-Finale. Voller Wille und Motivation für dieses Vorhaben, dieses Abenteuer und doch so niedergestochen, ausgeknockt. 

Processed with VSCO with a5 preset

Was habe ich vor und warum sollte ich nicht zu früh aufgeben? Nun, ich möchte gemeinsam mit dem Herzbuben den Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran wandern. In sechs Tagen durch drei Länder, ca 140km und diverse Höhenmeter bezwingen, auf Schutzhütten schlafen, aus dem Rucksack leben, der Natur nahe sein, die Einfachheit genießen, an Grenzen gehen und Anstrengung spüren, mich erholen, abschalten, in meine Gedankenwelt abtauchen, Neues lernen und denken. Soweit der, nicht ganz ausgereifte, Plan. Großartig vorbereitet bin ich nicht auf diese Reise. Gut, ich habe ein paar Blogeinträge überflogen, Bilder auf Instagram angeschaut und mir einen eigenen Rucksack angeschafft – nicht mehr und nicht weniger. Lasse ich es doch so gerne darauf ankommen was passiert, wo ich lande und was mich erwartet, Spontanität und Ungeplantheit voraus! Der planerische Herzbube und sein mit Post-Its markierter Wanderführer sind ja schließlich auch noch da. 

Da liege ich also, kann mich kaum regen. Apropos Regen. Den gibts draußen gerade in Massen, begleitet von einem ordentlichen Sommergewitter. Der Herzbube packt zum zweiten Mal seinen Rucksack um, denkt laut über Regenausrüstung und die optimale Handhabung eventueller nasser Sachen nach. Und ich? Ich beschließe indes mich auch wie Ronaldo zu verhalten. Arschbacken zusammenkneifen, weitermachen und jetzt auf jeden Fall vom Boden aufstehen. Für die Sache, für die Idee, den Traum, das Ziel. Ja, es tut noch weh als ich aufstehe, ja ich bin noch etwas kurzatmig. Immerhin ein Anfang, ich stehe und schleppe mich durch Oberstdorf um zu Abend zu essen. Die Gedanken an einen zu tragenden schweren Rucksack sowie die bevorstehenden Höhenmeter und das mich erwartende Matratzenlager morgen Abend verdränge ich noch etwas. Ist ja auch noch ein Weilchen hin.

Alpenliebe_1

Wir schlendern durch Oberstdorf und senken sekündlich den Altersdurchschnitt des beschaulichen Örtchens. Wir sehen Wanderer die von ihren Tagestouren zurückkommen, Urlauber die mit der Seilbahn den Berg hinauf fahren, jede Menge Senioren welche auf ihren E-Bikes das Dörfchen unsicher machen und die typischen Flanierer, topgestylt im Café sitzend und am Aperol nippend. Ich fühle mich wie ein kleiner Fremdkörper. So jung, so ungestylt, so unangepasst und dynamisch. Wir werden keine 24 Stunden an diesem Ort sein, fürs Abendessen haben wir uns nicht extra herausgeputzt und ich habe nichtmal eine Handtasche dabei. Ganz nach meinem Geschmack sind wir keine Urlauber. Wir sind auf einer Reise. Ich mag diesen Gedanken des Freiseins. Keine Gebundenheit zu spüren. Es ist ein Abendteuer. Ich mag auch diesen Gedanken.

Einerseits kann ich den Weg der Reise 1:1 im Wanderführer nachlesen. Da wird von Seescharten, Bergseen, Tälern, Gletschern, Geröllfeldern gesprochen. Doch was es wirklich heißt diesen Weg zu wandern kann ich mir jetzt im Moment nicht einmal ansatzweise vorstellen. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wie es mir gelingen wird ihn zu meistern, wie viel Kraft wirklich notwendig sein wird. Wie wird es sein auf einer Schutzhütte mit hundert anderen Wanderern zu übernachten?

Processed with VSCO with a5 preset

Was heißt es denn wirklich nach einem harten Wandertag eine kalte Dusche zu nehmen? Wie wandert es sich mit zehn Kilo Gepäck auf dem Rücken und wie arrangieren sich meine Gedanken und ich? Und wie bequem sind die Wanderschuhe wenn ich sie jeden Tag trage? Was sind für Menschen dort auf diesem Weg? Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Stets umrahmt von Vorfreude. Der Herzbube sagt mir, er ist nervös und freut sich auf die kommenden Tage. Ach wie schön, ach wie passend. Gemeinsame Vorfreude ist doch schon immer was Gutes gewesen. 

Als am Dienstag morgen mein Wecker klingelt atme ich kurz tief ein. Und direkt noch einmal zur Sicherheit. Der Schmerz ist noch da, doch zum Glück nicht mehr so stark wie gestern noch. Auf gehts Ronaldo, raus aus dem Bett, steh auf, es geht los. Und dann geht es ganz fix, Frühstück, Schuhe an, Rucksack auf, Spiegel-Seflie, ab zum Bus. Dieser bringt uns in die Spielmannsau zu unserem Startpunkt. Im Bus sitzen viele Wandersleute. Tages- und E5-Wanderer mit ihren großen Rucksäcken, Trinksystemen, Wanderstöcken, Spiegelreflexkameras, Gamaschen. Das all umfassende Thema dort? Das zu erwartende schlechte Wetter für die kommenden Tage. Eine Frau spricht davon, dass Sie wohl aufgeben werden müsse, sollte das Wetter zu schlecht werden. Aufgeben? Hat sie gerade wirklich aufgeben gesagt? Sie hat noch nicht einmal angefangen schießt es mir in den Kopf. Ich bin entsetzt von dieser Aussage. Wie kann sie so etwas denken, sagen, im Bus öffentlich und breitwillig kundtun? Hat sie etwa nicht den Wanderführer gelesen oder am Sonntag Christian Ronaldo zugeschaut? Zu früh aufgegeben wird nicht. Auf keinen Fall. Nicht hier. Nicht auf diesem Weg. #ÜberdenBerg

Processed with VSCO with a5 preset

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.